'Nachruf auf das Klagenfurter Kino Prechtl'

  Kärntner Tageszeitung,
  31. Dezember 1971, Seite 5



  Klagenfurter Kinomuseum
KTZ, 31. Dezember 1971, Seite 5 Kurz nach dem Zeiten Weltkrieg brachte das wiedereröffnete Prechtl-Kino der Klagenfurter Bevölkerung ein wenig Freude in den Alltag.


Nachruf auf das Klagenfurter Kino Prechtl

 Sehr geehrte Redaktion! Wir geben Ihnen unser Silvesterprogramm für den 31. Dezember 1971 nachstehend höflichst bekannt: Stan Laurel & Oliver Hardy in „Die Doppelgänger von Sacramento" (einer der besten Filme der beiden unsterblichen Komiker). Mit diesem Film zu Ende dieses Jahres beenden wir unsere langjährige Spielzeit seit 1908 und danken Ihnen für Ihr Entgegenkommen. Mit vorzüglicher Hochachtung! Kino Prechtl, Klagenfurt. N. S.: Wie Ihnen bereits bekannt ist, müssen wir unseren Betrieb einstellen, da das „Kinohaus“, von der St. Hermagoras-Bruderschaft abgerissen wird.


Von Ernst Gayer

 Dieses kurze Schreiben an die Redaktionen der Kärntner Zeitungen war gleichsam der Schlußpunkt einer über 64 Jahre dauernden Geschichte eines Klagenfurter Betriebes, der eine Mischung von Kultureinrichtung und Vergnügungsetablissement dargestellt hat. Angefangen hat die Geschichte des Prechtl-Kinos im Jahre 1907, als der Klagenfurter Hermann Prechtl von seiner Wanderfahrt durch halb Europa heimkehrte mit dem großen Plan: Klagenfurt soll ein Kino bekommen.

 Auf seinen Auslandsreisen hatte er gesehen, welch ein Publikumsmagnet so ein Kino sein kann. So galt es nur noch, die Platzfrage zu lösen. Und auch hier fand sich bald eine Möglichkeit. Der Besitzer der Silberegger Bierhalle in der Schulhausgasse der heutigen 10.-Oktober-Straße hatte Sorgen, denn Klagenfurt hatte zu viele Gaststätten und das Geschäft des Großunternehmens ging schlecht. Kurzentschlossen mietete Hermann Prechtl die Räumlichkeiten, baute sie um und eröffnete das erste Kino in Klagenfurt.

 Die Klagenfurter waren begeistert und so konnte „H. Prechtl's Klagenfurter Reform-Kinematograph ständiges stabiles elektrisches Theater“ in der Schulhausgasse 25 über mangelnden Besuch nicht klagen. Die ersten Filme, die hier zu sehen waren, waren freilich keine Kunstwerke, mit viel Mimik und Gesten sowie Untertiteln wurde dem Besucher die Handlung erklärt.

 Und die Filme hatten auch überaus „erklärende“ Titel, wie etwa „Pathé-Journal“ (Wochenschau), „Die entflohenen Raubtiere" (komisch), „Die Tochter des Schloßherrn“ (Dramatische Darstellung), „Die Verhaftung der Herzogin von Berry“ (Historische Episode) und sogar ein wissenschaftlicher Film „Die Mikroben-Kinematographie“ durfte nicht fehlen. Die meisten Filme kamen damals etwa um 1910 - aus Paris, wo die Pathé Frères einen aktuellen Dienst aufgebaut hatten und die „Société Cinematographique des Auteurs et Gens de Lettres“, kurz „S.C.A.G.L.“ bezeichnet, „erstklassige“ Kunstfilme herstellte.

 Die musikalische Umrahmung des Filmprogrammes besorgte ein Klavierspieler, die Vorstellung begann stets mit einem Klaviervortrag, etwa dem „Sapristi-Marsch“ oder der Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“, wie es einem Programzettel aus dem Jahre 1910 zu entnehmen war, und schloß auch mit einem flotten Schlußmarsch. 25 Jahre lang bearbeitete das Klavier Maestro Alois Weissensteiner, in seiner Freizeit auch Organist in der Domkirche. Sein Repertoire war allen Klagenfurtern geläufig, wenig dankbar allerdings erwiesen sich die Herrn Buben im „P. T. Publikum“ die mit Vorliebe seine, unter der Klavierlampe leuchtende Glatze als Zielscheibe für Papierkugerln oder gar Kastanien wählten. Dann allerdings bedurfte es der ganzen Überredungskunst von „Papa Prechtl“, um den gekränkten Maestro wieder ans Klavier zurückzubewegen.

 Daneben ließ es sich Hermann Prechtl etwas kosten, sein Publikum zufriedenzustellen und engagierte manchmal Sängerinnen oder Sänger, um die Pausen mit kunstvollen Darbietungen zu überbrücken. Erst als der Tonfilm auch im Kino Prechtl Einzug hielt, schloß der Pianist Alois Weissensteiner für immer den Deckel seines Pianos.

 „Papa Prechtl“ war aber auch der erste Wochenschauberichterstatter Kärntens. Im Jahre 1911 fertigte er von der Handwerkerausstellung in der Westschule einen Film an, auf dem der Ehrengast Erzherzog Karl Franz Josef, der nachmalige Kaiser Karl, sowie die Honoratioren und deren Frauen die Hauptrollen spielten. Dieser Film erregte zu seiner Entstehungszeit Aufsehen und auch nach Jahrzehnte später, als das Kino Prechtl sein 50jähriges Bestehen feierte, Bewunderung.

 Nach dem Tod von „Papa Prechtl“ führte seine Frau Elise Prechtl das Kino in seinem Sinne weiter. Besonders ausgeprägt war das soziale Empfinden der Prechtls. Nicht nur, daß so mancher Bub von Papa Prechtl gratis eingelassen wurde, auch für Verwundete des Ersten Weltkriegs gab es Gratisvorstellungen, ebenso für die Insassen des Bürgerheimes, dann wurden Benefizveranstaltungen für Opfer von Brand- und Naturkatastrophen veranstaltet.

 Kurz nach Kriegsende des Zweiten Weltkrieges wurde das Prechtl-Kino wieder eröffnet, bereits ab Mitte September stand es wieder den Klagenfurtern offen. Im Jahre 1950 wurde im Prechtl-Kino an Sonntagen am Vormittag eine Kurzfilmschau der österreichischen Kulturfilmstelle eingeführt, die schließlich auch zum ersten „selbstständigen“ Kinobesuch des Verfassers führte. Die Kurzfilmschau übersiedelte später in das Stadttheater-Kino, das Prechtl-Kino aber blieb für seine vielen Freunde eine Stätte der Erinnerung an viele gute alte Filme und an die Stars vergangener Jahre.

 Nun muß das Prechtl-Kino schließen. An seiner Stelle wird vielleicht ein Supermarkt entstehen oder ein Espresso, oder sonst etwas. Kino wird es sicherlich keines mehr dort geben, denn wer riskiert im Zeitalter des Cassetten-Fernsehens, des Heimkinos par excellence, den Neubau eines Lichtspieltheaters? Allerdings, ganz versiegt ist der Pioniergeist der Familie Prechtl noch nicht

Kärntner Tageszeitung,  31. Dezember 1971, Seite 5